Neues Kapitel
Wer am Ende ist, kann von vorne anfangen, denn das Ende ist der Anfang von der anderen Seite.
-Karl Valentin-
Wie ich bereits befürchtet hatte, nahm mein Traumjob schnell meine gesamte Zeit, Aufmerksamkeit und Energie in Anspruch. Morgens bereitete ich mein Frühstück und das Essen für die spätere Pause vor, fuhr zur Arbeit und kam abends erschöpft und mit Muskelkater nach Hause. Meist war ich hungrig, hatte keinerlei Lust mehr zu kochen und wollte eigentlich nur noch ins Bett fallen.
Monsieur war darüber nur mäßig begeistert, auch wenn es ihn gleichzeitig freute zu sehen, wie viel Spaß mir die Arbeit machte und dass ich endlich genau das tat, was ich liebte.
Leider entging das auch meiner Vizechefin nicht, deren narzisstische Art und mangelnde fachliche Eignung ebenso auffällig waren wie ihre unterschwellige Verbitterung. Für sie war der Job offensichtlich nie Berufung, sondern lediglich Mittel zum Zweck.
Mein Chef erkannte schnell, dass ich ein gutes Gespür für Kunden hatte, leicht mit Menschen ins Gespräch kam und mit meiner Art eine echte Bereicherung für den Laden war. Genau das schien der besagten Vizechefin jedoch zunehmend gegen den Strich zu gehen, und sie ließ mich das immer deutlicher spüren.
Meine mentale Gesundheit war mir letztlich wichtiger als jeder Job. Auch Monsieur fand schon länger, dass ich zu viel arbeitete, zu wenig Zeit für unser gemeinsames Leben hatte und mich dabei zunehmend ausbrannte. Nach mehreren unvorhersehbaren Schicksalsschlägen, die auch meine Vizechefin mitbekommen hatte, verschärfte sich die Situation leider spürbar, bis ich mich schließlich aus dem Arbeitsumfeld gedrängt fühlte.
Ein lachendes und ein weinendes Auge trifft es wohl am besten.
Ich stand vor der Wahl, in eine andere Stadt zu ziehen, um dort in einer anderen Filiale weiterzumachen, oder einfach wieder hauptberufliche Sklavin zu sein.
Ein anderer Job, näher gelegen und nicht unbedingt in Vollzeit, ist natürlich auch immer eine Option.
Ist unsere Beziehung bereits zu kaputt?
Ist überhaupt noch genug übrig, um neu aufgebaut zu werden?
Gleichzeitig stellte sich immer häufiger die Frage, wie viel von unserer Beziehung eigentlich noch übrig war. Ob sie bereits zu beschädigt war oder ob noch genug Substanz existierte, um etwas Neues darauf aufzubauen.
Ich hatte und habe viel Zeit, darüber nachzudenken, wie ich weitermachen möchte. Eigentlich sollte eine TPE-Sklavin weder Raum noch Freiheit haben, solche Entscheidungen für sich selbst zu treffen oder sich überhaupt mit diesen Gedanken auseinanderzusetzen. Wenn ich jedoch ehrlich bin, bin ich schon seit längerer Zeit keine wirkliche TPE-Sklavin mehr. Und das hat nichts mit meinen Gefühlen, Bedürfnissen oder Emotionen zu tun, sondern vielmehr mit der Realität, die sich schleichend verändert hat.
Unser grünes Buch ist für uns derzeit nicht wirklich lebbar, weil es uns bereits mehrere Schritte voraus ist. Es zeichnet ein Idealbild dessen, was wünschenswert wäre, bleibt dabei aber in vieler Hinsicht weit von der Realität entfernt, wenn man ehrlich zu sich selbst ist.
Vielleicht kann man über Jahre hinweg dorthin wachsen, sofern es die eigenen Bedürfnisse am Ende tatsächlich noch erfüllt. Im Moment fühlt es sich jedoch ein wenig so an, als würde man von einem Grundschulkind erwarten, Quantenphysik zu verstehen.
Dann kam mir der Gedanke, dass wir all das vielleicht entschlacken könnten. Kleinschrittiger. So, dass man überhaupt die Möglichkeit hat, hineinzuwachsen. Erst lernen zu laufen, bevor man versucht zu rennen oder zu springen.
Doch beinahe sofort folgte die nächste Frage: Möchte ich das überhaupt noch? Entspricht es noch der Person, die ich heute bin? Oder sind das vielmehr Bilder und Vorstellungen, die sich über Jahrzehnte angesammelt haben, Vorstellungen davon, wie eine ideale TPE-Beziehung auszusehen hat, ohne dabei wirklich zu berücksichtigen, was die eigenen Bedürfnisse sind und wie die persönliche Realität aussieht, in die all das überhaupt hineinpassen müsste?
Erst wenn man wirklich versteht, was man möchte und was man braucht, kann man überhaupt einen Weg finden, diese Bedürfnisse langfristig zu erfüllen.
Genau an diesem Punkt stehen wir gerade.
Es geht darum, zu hinterfragen, was lediglich alter Schlick ist, der sich über die Jahre durch äußere Einflüsse, Erwartungen und eigene Idealvorstellungen angesammelt hat. Was davon man loslassen kann. Was hingegen die wirklichen Schätze sind, die bewahrt werden sollten und ob sich darauf noch etwas aufbauen lässt.
Und über all dem steht letztlich die große, entscheidende Frage: Wollen wir das überhaupt noch? Oder ist bereits zu viel zerstört worden, zu viel Vertrauen verloren gegangen, sodass man aufhören sollte, etwas festhalten zu wollen, das längst nicht mehr trägt?

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