Dienstag, 30. Juli 2019

Viehtransport

So nennt mein Herr neuerdings meine Ausflüge in die Außenwelt. Ja, richtig gelesen: Viehtransport

Ich sehe es mit einem lachendem und einem weinenden Auge. Zwar besitze ich genug Humor, um es nicht zu ernst zu nehmen, jedoch ist die Ausführung ein wenig demütigend, wobei das sicherlich der Sinn dahinter ist.

Gestern hatte ich mich hinten ins Auto zu setzen. Er schnallte mich an, ich darf mich nicht mehr selber anschnallen, und befestigte die Leine am Halsband, dann noch eine Augenbinde auf und Kopfhörer ins Ohr.

Er setzte sich auf den Fahrersitz und startete ein Hörbuch auf meinen Ohren, über ein Thema, das ihn interessiert, und fuhr mit heruntergelassenen Fenstern los.

Der Wind wehte durch mein Haar, die Sonne wärmte mein Gesicht, eine angenehme Stimme erzählte mir etwas und so wankte ich zwischen Zuhören und Abdriften in Gedanken und Überlegungen.

Was, wenn uns die Polizei sieht, oder ein besorgter Bürger?

Was sieht man überhaupt von außen durch die Scheibe? Eine Frau mit Köpfhörern und Augenmaske, die döst?

Harmlos, oder?

Man spürt jede kleinste Erschütterung und überlegt vielleicht das erste Mal, ob die Stoßdämpfer schon alt sind?

Jede kleine Kurve, jeder winzige Schlenker führt dazu, dass man fast umkippt, weil man nicht durch seinen Blick abchecken kann, wohin man fährt und unbewußt das Gewicht verlagert.

Anfahren ist immer ein kleines Ruckeln, bisher nahm ich an, es sei sanfter. Bremsen ist sanft, keine Erschütterung, außer die der Straße selber.

Wir müssen noch in der Stadt sein, keine langen gerade Strecken, sondern viele Kurven und kleine Pausen an Ampeln.

"Sieht jetzt gerade jemand rein?" schoß es mir durch den Kopf und ich versuchte ganz sanft zu lächeln, als würde ich zufrieden dösen, also keine Sorge, mir geht es gut!

Plötzlich wird er langsamer, fährt kurz auch zurück, parkt also ein und wir stehen.
Das Hörbuch geht aus und ich muß berichten was ich gehört hatte, nicht unbedingt um mich zu kontrollieren, scheinbar eher, um zu erfahren, ob es ihm gefallen könnte.

Er schnallt mich derweil ab, nimmt die Kopfhörer raus, die Leine weg und die Augenbinde auch.

Es ist bereits nachmittags, er weiß das ich nur gefrühstückt hatte und brachte mich zu einem Fast Food Service, weil es dort an diesem Tag (gestern) zu einem Menü, ein Regenbogenglas gab und ich liebe Regenbögen!

Hinterher die selbe Prozedur wieder. Ich setze mich hinten rein, er schnallt mich an, Leine an den Karabiner, Augenbinde auf, nein, keine Kopfhörer, diesmal hören wir es nochmal zusammen, von Anfang an.

Wieder der Wind, der meine Haare knetet und durchspült, die Sonne mal in meinem Gesicht, mal nicht. Diesmal längere gerade Strecken, vielleicht keine Autobahn, eher eine Landstraße?

Ich weiß es nicht und er sagt auch nichts.

Ich lehne meinen Kopf an die Stütze an, entspanne, döse ein wenig weg, genieße den Wind, die Sonne, den Schatten, die Natur, bis wir langsam werden, es sehr ruckelnd wird und ich Wald riechen kann. Ja, Wald erkenne ich sofort und es ist ein intensiver, erdiger, toller Geruch! Ich möchte noch viel öfter Wald riechen. Nicht nur sehen, wirklich riechen!

Seine Türe geht, geht zu, meine geht auf und ich frage: "Sind wir an meinem Bach?"

Mein Bach war vor zwei Jahren ein kleiner Bach, mitten im Wald, höchstens Knöchel tief, voller ganz feinem Sand, wie an einem Strand!

Er antwortet positiv, löst meinen Gurt, die Leine, die Augenbinde und wir spazieren los. Er hat einen Beutel dabei, darin das Elektro-Halsband.

Es dauert nicht lange und wir zweigen ab, mitten ins Dickicht rein, weil er dort ist, mein kleiner Bach!





In den zwei Jahren hat er gelitten, leider. Kaum noch Sand darin, aber umso mehr Schlamm. Wenig Wasser, aber wir haben gerade auch eine Hitzewelle. Wenig Grün außen herum. Ein wenig armselig leider.

Man kann ihn diesmal kaum betreten und so wandern wir außen herum.
Wir gehen noch nicht lange, da packt er auch schon das beschissene nützliche Elektro-Schock-Halsband an und die Leine auch. So präpariert geht es weiter und wir unterhalten uns schön, schauen uns Sternmoos an (ich weiß nicht ob es so heißt, aber es ist Moos, das aussieht, als würden Sterne auf Sternen wachsen!) und Käfer. Radfahrer, Jogger, Fußgänger interessieren uns nicht. Er hat das dicke Elektroteil ins Genick geschoben, so dass man es nicht sieht und ob nun jemand genauer schaut, oder eine andere Reaktion zeigt, beachte ich nicht. Ich richte in solchen Momenten meinen Fokus auf meinen Herrn, auf unser Gespräch und grüße höchstens freundlich Vorbeigehende.





Da wir uns ein wenig verirren, wird unser Gassi gehen ein wenig länger als erwartet, jedoch ist das Klima im Wald so angenehm und erfrischend und die Natur so beruhigend, dass man sich gerne dort aufhält und es einfach genießt und unsere Plauderei war auch toll,  was will man mehr?

Naja, vielleicht einen Bach, der so aussieht wie vor zwei Jahren, aber vielleicht fahren wir am Ende des Sommers nochmal hin und dann ist es vielleicht schöner dort?

Egal, wir hatten unseren Spaß.

Am Auto angekommen, ließ er das Halsband dran, die Leine auch und wir fuhren Heim.




Danke für den schönen Ausflug, mein Herr!

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