Sonntag, 19. April 2020

Der Lauf der Dinge.

Über Regeln, Rituale, Pragmatismus und Abbrüche.



1. Begriffsklärung

Regeln und Rituale machen Strukturen sichtbar. Oder erzeugen sie sie erst? Oder liegen die Strukturen darunter und haben ihre unabhängige Existenz?

Im Rahmen von TPE sind Regeln und Strukturen der "soziale Kitt" der Beziehung, sie affirmieren das Verhältnis zueinander, sie festigen (regelmäßige Wiederholung vorausgesetzt).

Pragmatismus ist die Einstellung, sich immer auf das einzustellen, was gerade – aus welchen Gründen auch immer – ansteht; es soll etwas erledigt werden, es muss eine schnelle Lösung gefunden werden.

Pragmatismus und Regeln/Rituale stehen in einem gewissen Spannungsverhältnis; wer pragmatisch nach Lösungen sucht, gibt den Strukturen nicht immer den Raum, den sie brauchen, weil sie vielleicht für die gerade anstehende Lösung (scheinbar) nicht von Belang sind.

Wer im Rahmen von TPE etablierte Regeln und Rituale mit Nichtachtung straft, der "bricht ab". (Mit "abbrechen" ist ja im BDSM-Kontext gemeint, dass man eine "Szene", eine "Spielsituation" nicht weiterführt, weil z.B. ein Beteiligter an seine Grenzen kommt. Im TPE-Kontext ist damit gemeint, dass D/s über Gebühr in den Hintergrund tritt, nicht mehr für die Beteiligten spürbar ist; der Übergang ist hier weniger markiert, es ist womöglich nicht einmal eine bewusste Entscheidung. Das Leben kann man nicht "abbrechen", es läuft ja weiter.)

2. Situation

Eine große, nicht unberechtigte Angst von Haustierchen, die immer wieder Quelle von Streit und Unmut ist, ist die Angst vor dem Abbruch, die Angst davor, dass Etabliertes in Vergessenheit gerät, nicht den Stellenwert bekommt, den es sonst hat.

Im Alltag muss ich, nicht zuletzt beruflich bedingt, oft pragmatisch reagieren; die fluiden Umstände erfordern es. Dabei setze ich mich auch mal über Strukturen und Regeln hinweg. ("Haben wir schon immer so gemacht", ist keiner meiner Leitsprüche.) Das führt mitunter dazu, dass ich auch in unserer Beziehung solche pragmatischen Abkürzungen wähle und den Fokus nur auf das richte, was gerade ansteht. Dadurch vergesse ich Dinge oder treffe Entscheidungen, die diese Strukturen betreffen.

Gestern (und vorgestern auch) waren wir in der Stadt unterwegs; in Corona-Zeiten empfinde ich das als Stress, und so vergass ich mehrfach  –immer auf dem Sprung und bemüht, möglichst schnell alles zu erledigen  –, Haustierchen die Leine anzulegen. Das bedrückte sie sehr, so dass sie mich darauf ansprach, weil ihr der Stellenwert zu gering war. Ich muss ihr sehr dankbar sein, dass sie – obwohl es nicht ihrem Wesen entspricht – die eigenen Bedürfnisse zunehmend deutlicher artikuliert. Das ist eine große Weiterentwicklung.

Gestern nun legte ich ihr die Fußkette nicht an und auch die Halskette nicht (das Schloß der letzteren hatte sie in einem Wutanfall durch die Gegend gepfeffert, und es ist noch nicht wieder aufgetaucht). Meine Entscheidung für die fehlende Fußkette war eine – aus meiner Sicht – pragmatische: Haustierchen, chronisch krank, hat einen empfindlichen Magen, und nach dem Essen gestern war ihr schlecht geworden, so dass sie schnell und mehrfach die Toilette aufsuchen musste. Ich fragte sie beim Abendritual, ob sie alsbald noch aufs Klo müsse, und sie verneinte, allerdings in einem etwas kläglichen Ton, so dass ich mich entschied, die Kette nicht zu befestigen. Ich verbalisierte das nicht deutlich, und am nächsten Morgen war das Haustierchen genervt und verstimmt, weil fehlende Leine und fehlende Kette für sie einen "Abbruch" im oben genannten Sinne markieren.

Wenn das Haustierchen verstimmt ist, verweigert es sich und kapselt sich ab; ich nenne es die "angry-housewife"-Phase. Das machte mich wütend, weil ich aus meiner Sicht pragmatisch entschied und eben nicht "abbrach" (die Leine vergass ich, das geht klar auf meine Kappe). Und so schimpfte ich herum, weil mich das belastet, was sie wiederum gallig kommentierte, und so gab ein Wort das andere. (Eine Situation, die keiner von uns mag, aber wir sind beide auch Sturköpfe, so dass es nicht ganz einfach ist, zum Tagesgeschäft überzugehen.)

Nur am Rande, ich bin kein Sturkopf, bei Deinen Monologen, bin ich die, die die meiste Zeit schweigt und ihre Ruhe möchte.
Das Schloss flog nicht in einem Wutanfall, außer, es ist ein Wutanfall, wenn die Kette wütend wegschupst und sie dabei, vom Bett fällt und woher war die Wut? Genau aus dem selben Grund. Wieder kein DS, wieder kein Rahmen, wieder nichts, außer nachts die Kette, selbst das Ritual fällt regelmäßig aus.
Regeln? Welche Regeln bitte?

3. Anlass zum Nachdenken und Perspektivwechsel

Aber ein Gutes hat dann auch so ein Streit am Morgen; er bringt mich zum Nachdenken. Das Spannungsverhältnis zwischen Pragmatismus und Strukturen (Regeln, Ritualen) ist so etwas wie das Grundmotiv unserer Auseinandersetzungen. Ich treffe eine Entscheidung oder vergesse etwas, und für Haustierchen stellt das massiv die Strukturen in Frage, sie "verschwinden" gleichsam. Daraus leitet sie dann ab, dass unsere Regeln und Rituale mir nichts bedeuten, jedenfalls weniger als ihr.

Ich sah das bislang nicht so; Regeln und Rituale sind Ausdruck einer Struktur, aber sie sind nicht mit ihr identisch, die Struktur, wenn sie einen Wert hat, liegt quasi eine Ebene darunter und sollte von Vergesslichkeit und pragmatischen Entscheidungen nicht berührt werden. Das mache ich schon allein dran fest, dass wir häufig im Alltag Kompromisse eingehen, weil wir – wie jeder wohl – bestimmten gesellschaftlichen Zwängen unterliegen, die mit den Grundzügen unserer Lebensform nicht gut zusammenpassen, aber auch, weil es besondere Umstände gibt. Kompromisse allein kompromittieren nicht.

Nun will ich aber mal bewusst Haustierchens Position einnehmen, um ihre Argumente besser zu verstehen und auf sie eingehen zu können – gemäß des, wie ich finde, vernünftigen römischen Rechtsgrundsatzes: *audiatur et altera pars* (auch die Gegenseite soll gehört werden).
Genau genommen haben wir erstaunlich wenige Zwänge, sehr viele Freiheiten und Möglichkeiten, nur eben keinen, der sie sieht, wahrnimmt, umsetzt, benutzt und einsetzt, weil er zu sehr damit beschäftigt ist, sein Leben zu bemitleiden.

1. Für Haustierchen sind unsere Regeln und Rituale Puzzleteile, die das Ganze zusammenhalten; sie sind ein wichtiger Ausdruck unserer Lebensform. Aus ihrer Sicht sind es ohnehin zu wenige (und zu wenig strenge).
2. Wenn diese Puzzleteile wegfallen – und es sei es auch nur 1x oder 2x –, dann bekommt das Ganze Risse. (Weil es schon wenig genug ist, ist dieses Wenige besonders wichtig.)
3. Im Alltag müssen wir schon genug Kompromisse machen, dann sollte wenigstens das Intimste (gemeinsame Autofahrt, wie wir im Bett liegen) kompromissfrei sein. Der "soziale Kitt" der Beziehung wird sonst brüchig, und man fühlt sich unverstanden.

Wenn ich mir das so anschaue, dann verstehe ich ihren Unmut besser.

Nochmal, wir haben eigentlich viel mehr Möglichkeiten, wenn man sich damit auseinander setzen würde….

4. Konsequenzen und Baustellen

Pragmatismus ist mitunter eine notwendige Einstellung, aber in manchen Bereichen kann sie sehr schädlich sein; dies ist einer dieser Bereiche. Der "soziale Kitt" unserer Beziehung ist etwas, das Bestand haben muss. Was Bestand hat, was wichtig ist, das kann man nicht pragmatisch beiseite wischen.

In ihrem letzten Blogeintrag hat Haustierchen für sich einige Baustellen identifiziert (sich anbieten, das schlechte Gewissen bei eigenen Orgasmen), auch ich habe solche Baustellen: Mein (beruflicher) Pragmatismus darf nicht zu sehr ins Private durchschlagen; jedes Mal, wenn ich einer (vermeintlichen) Lösung zuliebe den "sozialen Kitt" unserer Beziehung außer Acht lasse, vermittle ich Haustierchen, dass sie und ihre Bedürfnisse nicht den Stellenwert genießen, den sie jederzeit haben sollten. Eine weitere Baustelle/Aufgabe: Vermehrung und Verzahnung der Puzzleteile, damit das einzelne Puzzleteil keine zu große Bedeutung bekommt. Eine stabile Struktur verkraftet auch mehr Belastungen.

Au travail.

Das Projekt Regelwerk ist ja irgendwie auch eingeschlafen und verstaubt, wie so viele anderen Dinge, die wir begonnen und nie weiter geführt haben, die aber eigentlich eine Struktur bilden und etablieren sollten.
Wenn man immer nur neue Anfänge startet, nie etwas weiter verfolgt, woher soll es dann Struktur geben?
Regeln sind bei uns sehr flüchtig und das Ritual ist auch Launen abhängig.
Konstanz gibt es wo bitte? Wodurch?
Aber immer schön beim anderen schauen, warum es wegen dem nicht geht. Dankeschön!

Das Regelwerk ist nicht eingeschlafen; es verstaubt in gewisser Weise, weil es nicht gelebt wird, wenn wir streiten. Hingabe, Vertrauen – das erfordert einen wohlwollenden Umgang miteinander, jenseits von verletzten Eitelkeiten und unnötigen Auseinandersetzungen.

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